
|






|

Im verflixten siebten Jahr fahre ich nun schon das kleine graue Etwas mit vier roten Rädern und gehaltvollem, kraftverheißendem Tuckern, das auf den Namen „Anton“ hört.
Es hat auch einen Nachnahmen: Schlüter AS 22.
Ein bayrisches Urgestein mit sauerländischen Wurzeln. Der Firmengründer gleichen Namens wurde 1867 auf einem Gut bei Thülen geboren, und lernte Mechaniker in Brilon, was ihm wohl zu klein war. Daraufhin begab er sich auf die Walz in die große weite Welt, kam aber nur bis München, um dort Motoren zu bauen. Durch gut gehende Geschäfte konnte er schon bald eine zweite und dritte Produktionsstätte in Freising erbauen, und nahm um 1937 auch die Fabrikation von Traktoren mit eigenen Motoren auf. Nach dem 2. Weltkrieg übernahm sein Sohn, wiederum gleichen Namens, die einzig unzerstört gebliebene Freisinger Fabrik und den dazugehörigen Wohnsitz „Gut Schlüterhof“ am Stadtrand. Dieser weitete das Traktorenangebot aus, auch um meinen 22er. Nach dessen verfrühtem Ableben viel der dritten Generation der Familie Schlüter, auch wieder ein Anton, das Erbe zu.
Dieser nun steigerte die PS-Zahl der Fahrzeuge immer weiter ins unermessliche, genauer gesagt bis auf 500 Pferde aus 12 Zylindern. Doch leider gab es nicht genug potentielleKäufer für diese und ähnlich große Ackerboliden, sodass die Produktion rapide sank. Dadurch und wohl auch wegen fehlendem Nachfolger für das Werk kam es 1993 zum Ende der Fabrik und der Produktion. Es ist überhaupt sehr erstaunlich, das ein so kleines Privatunternehmen so viele innovative Traktoren, solange bis ins Detail selber bauen konnte. Andere Konzerne der Schlepperindustrie waren da schon lange am Ende, man denke da nur an Hanomag oder Lanz! Ein Schlüter ist aber nicht kleinzukriegen, sodass es heute wieder eine gut funktionierende Ersatzteilversorgung und große Fangemeinde gibt.
Aber was passierte mit der denkmalgeschützten Werksanlage sowie dem Schlüterhof?
Steht noch irgendetwas?
Diese Frage interessierte mich schon lange, als ich mich im Mai 2007 auf die Reise nach Freising begab.
Begonnen hat diese mit einem Besuch des Geburtsortes von Anton Schlüter in Brilon – Thülen. Der Gutshof steht nicht mehr, einzig die Kapelle ist erhalten und schon renoviert worden. Sodann führte mich meine Reise 540 Kilometer über die Autobahn in Richtung Bayern. Kaum vorstellbar, dass Anton Schlüter wohl den größten Teil des Weges zu Fuß
gelaufen sein musste.
Nun, nach knapp 5 Stunden war Freising in Sicht, wobei ich mir erst einmal eine Bleibe für die geplanten 3 Reisetage suchen musste. Offenbar ist die schön herausgeputzte Stadt auch wegen der Nähe zum Flughafen München oftmals ziemlich ausgebucht, sodass ich mit einer
einfachen Gaststätte mit Fremdenzimmer vorlieb nehmen musste.
Das stellte an sich auch kein Problem dar, nur der dort gesprochene Dialekt war für mich
gewöhnungsbedürftig. Am gleichen Tag erkundete ich die Altstadt und erklomm den Domberg, um vielleicht auch schon etwas von der ehemaligen Fabrikanlage sehen zu können.
Oben angekommen, zeigten sich denn auch tatsächlich die aus dem Grün der Altstadt herausragenden Spitzen der beiden, aus vielen Fachbüchern bekannten Wassertürme.
Sogar den Turmbau des Schlüterhofes konnte ich erkennen.
Es dämmerte zwar schon gewaltig, doch hielt mich das nicht davon ab, entlang der Münchner Strasse bis zum Stadtrand auf die Firma Schlüter zuzugehen. Man hatte mich im Vorfeld bereits gewarnt, aber was ich dann hinter der Wegbiegung sah, war schon ergreifend.
Trutzig wie eh und je, die alles überragenden Doppeltürme, umgeben von einer einzigen, immer noch von schwach gelber Farbe leuchtenden Fabrikruine. Keine Fensterscheibe mehr
heil, die geöffneten Fenster klapperten im Takt der Windböen, Scherben und ausgerissene Rahmen davorliegend. Ein ganz trauriges Bild, ein Bild des Zerfalls! Ich hatte den Eindruck, das man von Seiten der Stadtverwaltung nur darauf wartet daß alles von selbst zusammenfällt, und man dann nur noch die Reste wegkarren müsste. Nur ein massiver Bauzaun hinderte mich am Betreten des morbiden Spektakels.
Im Licht des folgenden Tages offenbarte sich mir dann das ganze Ausmaß der Zerstörung.
Über die Hälfte aller ehemaliger Werkshallen waren nicht mehr vorhanden, und durch Baustrassen ersetzt worden. Die Stadt möchte dort seit der Mitte der 90er Jahre Wohnbauten entstehen lassen, bisher steht nichts! Der denkmalgeschützte Teil der alten Gebäude treibt einem Schlüterfan die Tränen in die Augen. Ich ertappte mich immer wieder beim Rundgang mit dem Gedanken „eine Schande, so was“. Überall wo Wände nicht mehr vorhanden sind,
hat man Plastikplanen an die Dachkonstruktion geheftet. Oft steht nur noch der geschwungene Giebel. Durch gerissene Abdeckungen kann man in das Innere der von Stahlträgern gehaltenen Konstruktion werfen, es sieht aus wie in einem Gewächshaus. Sträucher wachsen aus dem zerfetzten Boden wo einst Traktoren und Motoren erdacht und gebaut wurden. Fließend Wasser in allen Räumen! Ist den überhaupt noch irgendetwas intakt?
Ja, das Pförtnerhäuschen! In traditionellem Gelb mit lindgrünen Fensterrahmen lädt dort jetzt das Cafe Schlüter zum gepflegtem Verweilen mit Panoramablick auf die Ruine ein.
Soweit so schlecht, doch zog es mich nach soviel Verfall verständlicherweise eine Station weiter zum 500 Meter entfernt gelegenem Schlüterhof. Diesen kann man auch bequem über eine Privatstraße zu Fuß erreichen. Man sieht schon von weitem die Villa in strahlendem Weiß, mit dem allerdings nun von Hallen der Weihenstephaner Molkerei umgebenen Uhrenturm des ehemaligen Gutshofes. Doch ringsherum wieder ein diesesmal ansehnlicher Zaun mit Parkplatz und Pforte. Um es gleich vorweg zu sagen, ich hätte nicht gedacht, daß ich nach einmal Klingeln und höflich den Wunsch meines Besuches vortragenden Gesprächs,
so fix auf das geschichtsträchtige Areal kam. Im Gegenteil, man stellte mir den Hausmeister zur Seite und ab ging es durch die geputzten Wohnräume des Hauses direkt gegenüber der Villa. Hier hatten sich die Schlüters zum Lebensabend zurückgezogen, seitdem dem Tode von Frau Schlüter 2002 steht fast alles noch so herum! Doch damit nicht genug, mehr noch, ich konnte sogar bis ins Schlafgemach vordringen! Im Wohnzimmer hätte ich mich gern mal in einen ausgebeulten Sessel gesetzt, von dem ich dachte, daß darin sicher auch mal Herr Schlüter platzgenommen haben könnte. Die Villa war leider von innen nicht zu besichtigen,
da sich heute Büros darin befinden. Doch von außen gab sie einen umso prächtigeren Eindruck wilhelminischen Baustils ab, tadellos gepflegt samt Parkanlage! Im nachhinein noch einen schönen Dank an die bereitwillige Führung der Molkereiverwaltung.
Zu Fuß ging es dann wieder zurück über Schlüters Privatstraße zurück zum Fabrikgelände, wo graue Wolken und Nieselregen die richtige Kulisse zum einsturzgefährdeten Denkmal bildeten. Was würde wohl der Chef sagen, wenn er noch leben würde und er diesen Niedergang mit ansehen könnte? Nun, er würde vielleicht hoffen, das daß Werk der Familie Schlüter nicht in Vergessenheit gerät, und es immer noch Traktorfahrer gibt, die ihre Gefährte gleichen Namens in Ehren halten in der Gewissheit, etwas Besonderes zu besitzen!
Geschrieben von B. Schmidt (Treckerfreunde Nuttlar)
Zuletzt bearbeitet am 11. June 2007
|
© Copyright 2005 Treckerfreunde Nuttlar | Design und Programmierung by andre-hester.de
|

|